Tabuthema

Vertuschen macht es oft schlimmer

Von Nadine Effert · 2020

Über Gesundheit sprechen? Das ist heutzutage nicht nur gesellschaftsfähig, sondern fast schon hip. Doch über sogenannte Tabukrankheiten wird (noch) zu häufig der Mantel des Schweigens gebreitet, weil das Schamgefühl zu groß ist. Das kann den Leidensdruck von Betroffenen erhöhen und die Therapie erschweren. Ein Teufelskreis entsteht.

Junge Frau, die äußerlich ruhig erscheint, aber innerlich aus ihrer Haut fährt. Thema: Tabuthema
Foto: iStock / dinachi

Wie sagte Stephan Rudas (1944-2010) einst: „Dem Begriff ‚Tabu' wäre wohl am besten entsprochen, indem man nicht über ihn spricht". Da hat der österreichische Facharzt für Psychiatrie und Neurologie nicht unrecht. Werden jedoch Krankheiten mit einem Tabu belegt, wird man ihnen eher gerecht, wenn man über sie spricht, und zwar normal, um sie aus der Tabuzone zu holen. Denn Betroffene tragen meist eine große seelische Last mit sich herum – zu groß die Angst, bloßgestellt zu werden und einen Stempel aufgedrückt zu bekommen. Mit Vorurteilen besetzte Beispiele gibt es zur Genüge: Wer mit HIV infiziert ist, muss sehr viele unterschiedliche Sexpartner gehabt haben. Wer Hautabszesse hat, nimmt es mit der Hygiene nicht so ernst. Wessen Blase schwächelt, trägt Windeln und ist schon so gut wie im Pflegeheim. 

Tabuthema: Ekel und Scham spielen eine Rolle

Besonders über Beschwerden, die in irgendeiner Weise mit Ausscheidungen des Köpers zu tun haben, sprechen wir Menschen nur sehr ungern. Die Rede ist von Stuhlgang und Urin, aber auch Blähungen. Erbrochenes ist auch nicht schön, aber nichts anderes als herausgewürgter Mageninhalt, den man zuvor durch Leckereien in flüssiger und fester Form sich selbst zugeführt hat. Der Ekelfaktor spielt folglich eine große Rolle bei Tabukrankheiten. Ähnlich schambehaftet sind Probleme im Intimbereich. Da möchte man doch lieber seine Intimsphäre wahren und seine Scham, also die Gegend der Geschlechtsteile, bedeckt halten. Scheidentrockenheit, Vaginalpilz, Erektionsstörungen, juckender Penis – wie unangenehm! Und damit sind nicht nur die damit einhergehenden Beschwerden gemeint, sondern für viele Betroffene auch der Gang zum Arzt oder in die Apotheke. „Es“ auszusprechen, fällt vielen schwer. Anderen hingegen nicht, wie zum Beispiel Markus Margreiter. Jüngst ist das neue Buch des ehemaligen Leiters der Ambulanz für erektile Dysfunktion an der Universitätsklinik für Urologie in Wien zum Thema Erektionsstörungen erschienen: „Mann 2020“. Es zeigt auf, dass es auch bei immer mehr jungen Männern mit der Standfestigkeit hapert. Gleichzeitig wüssten Männer zu wenig über ihren Körper und könnten oftmals nicht mal die Frage beantworten, was eine Prostata ist. Übrigens neigen insbesondere Männer vermehrt dazu, ihre Leiden zu verschweigen. Der Grund ist das noch immer in unserer Wertegesellschaft herrschende Bild vom „starken Geschlecht“. Sprich: „Nur ein gesunder Mann ist ein ganzer Mann“. Daher gilt das männliche Geschlecht allgemein auch eher als Vorsorgemuffel, das lieber Reparaturmedizin betreibt.

Problem Stigmatisierung

Ebenso ein großes Tabuthema sind psychische Erkrankungen. Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Doch damit nicht genug, denn Betroffene leiden oft doppelt: unter ihren Symptomen und den Vorurteilen anderer Menschen. Bei einem gebrochenen Bein haben die meisten Menschen schnell Mitleid mit dem Betroffenen. Aber wenn jemand von einer Depression oder einem Burnout spricht, kommt oft Misstrauen auf. Man sieht die Krankheit nicht, also existiert sie nicht? Eine Rechnung, die bei Weitem nicht aufgeht – und fatale Folgen haben kann. Stigmatisierung ist einer der Hauptgründe, warum viele Betroffene keine oder erst verspätet Hilfe suchen. In der Psychologie spricht man sogar von der „zweiten Krankheit“, wenn die Angst, aufgrund einer psychischen Krankheit abgewertet oder ausgegrenzt zu werden, genauso belastend empfunden wird, wie die Krankheit selbst. Aber auch Menschen mit anderen Krankheiten leiden unter Scham und Schuldgefühlen, Vorurteilen, sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung. Auch heute noch ist zum Beispiel ein offener Umgang mit einer HIV-Infektion schwierig. Hier geht die Gesellschaft lieber auf Abstand aus Angst, sich anstecken zu können. Dazu DAH-Vorstand Sylvia Urban aus dem Vorstand der Deutschen Aidshilfe: „Beim Kampf gegen Ignoranz und Diskriminierung bohren wir ein dickes Brett. Dabei gilt es immer wieder zu vermitteln: HIV ist im Alltag sowieso nicht übertragbar, unter Therapie nicht einmal beim Sex. Wir sind auf dem Weg zu einem entspannten Umgang zwischen HIV-positiven und negativen Menschen im Alltag. Nichts anderes als ein ganz selbstverständliches Zusammenleben ist angemessen.“ 

Teufelskreis vermeiden

Zu einer Selbstverständlichkeit sollte auch werden, über alle sogenannten Tabukrankheiten sprechen zu können und zu dürfen, ohne Scham und Unbehagen. Das bietet die Chance für eine Enttabuisierung und mindert die Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten. Denn stilles Leiden kann mit einer zusätzlichen emotionalen Belastung einhergehen, die wiederum die Beschwerden verschlimmern kann. Im Fall der Prostata kann ein Aufschieben des Besuchs beim Urologen sogar lebensbedrohlich sein, falls hinter den Symptomen eine bösartige Krebserkrankung steckt. Eine Krankheit wie ein Tabu zu behandeln, kann die Therapie erheblich erschweren. Die Devise lautet daher: den Mut zusammennehmen und sich Experten anvertrauen. Für Ärzte, Therapeuten und Apotheker sind Tabukrankheiten kein rotes Tuch, sondern Alltag. Hier braucht keiner mit vorgehaltener Hand über seine Beschwerden sprechen – ein solides Vertrauensverhältnis vorausgesetzt. Auch der Austausch mit nahen Angehörigen und Freunden oder der Besuch von Selbsthilfegruppen kann den Umgang mit der Krankheit erleichtern.

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