Neurologische Erkrankungen

Schaltzentrale im Dauerbetrieb

Von Tobias Lemser · 2018

Von A wie Alzheimer bis Z wie Zuckungen: Das Feld der neurologischen Erkrankungen ist immens groß – ganz abgesehen von den bislang noch unbenannten und unerforschten seltenen Krankheiten. Zwar sind viele neurologische Beschwerden inzwischen behandelbar, größte Aufmerksamkeit gilt jedoch nach wie vor der Gehirnforschung, auf die viele Patienten ihre Hoffnungen setzen.

Frau an Elektroenzephalografen angeschlossen (Thema: Neurologische Erkrankungen)

Es ist mit Abstand das faszinierendste Organ im menschlichen Körper. Der Grund: Es steuert rund um die Uhr nahezu alle lebenswichtigen Körperfunktionen, verarbeitet Sinneseindrücke und ermöglicht sämtliche Denkprozesse. Auch wenn unser Gehirn mit 1,3 Kilogramm gerade einmal rund zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, braucht es mit seiner rund eine Billiarde Synapsen immerhin 20 Prozent unseres gesamten Energiebedarfs. Ebenso verblüffend: Würde man sämtliche Nervenbahnen eines erwachsenen Menschen aneinanderreihen, könnte man gut 145-mal die Erde umrunden. 

Neurologen besonders gefragt

Fakt ist: So komplex die Strukturen in unserer Schaltzentrale auch sind, so groß ist das Potenzial für kleinere Defekte oder – im schlimmsten Fall – für schwerwiegende neurologische Erkrankungen. Vergleicht man sämtliche medizinische Fachbereiche miteinander, fällt eines auf: Kaum ein anderer Bereich entwickelt sich derzeit so schnell wie die Neurologie. Und das ist auch nötig. Laut aktuellster Zahlen des Statistik-Portals Statista waren deutschlandweit Ende vergangenen Jahres knapp 7.200 Neurologen im Einsatz. Wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie berichtet, wurden schätzungsweise rund zwei Millionen Patienten in Kliniken und Praxen versorgt. 

Und nicht nur hierzulande steigt die Bedeutung neurologischer Krankheitsbilder. Die European Academy of Neurology wies bei ihrem Jahreskongress in Lissabon im Juni darauf hin, dass neurologische Erkrankungen in Europa der Hauptgrund für Behinderungen und Ursache Nummer zwei für Todesfälle sind. Zwischen 1990 und 2015 ist entsprechend der „Global Burden of Disease Study“ die Zahl der Todesfälle infolge neurologischer Erkrankungen weltweit um knapp 37 Prozent gestiegen. 

Dauerquälgeist Migräne

Zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen zählen laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes Schlaganfälle, die ebenso wie die Parkinson-Krankheit mit Bewegungseinschränkungen und Schluckstörungen als Folgeerkrankung einhergehen können. Ebenso in der Riege vertreten: Multiple Sklerose, Epilepsie und Migräne. Gerade letztere bringt Betroffene wegen ihres häufigen Auftretens immer wieder zur Verzweiflung, insbesondere dann, wenn sie unter einer chronischen Migräne leiden, also eine Attacke fast fließend in die nächste übergeht. Hinzu kommt, dass Wissenschaftler immer noch danach forschen, was überhaupt im Gehirn passiert und worin die genaue Ursache für die schmerzhaften Anfälle liegt. 

Was man seit Kurzem weiß: Menschen mit Migräne besitzen zusätzlich ein erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen. Zwei große aktuelle Studien aus den USA und aus Dänemark zeigen, dass Migränepatienten etwas häufiger Herzinfarkte, venöse Thrombosen und Schlaganfälle erleiden. „Zwar ist die Sterblichkeit von Menschen mit Mi­gräne insgesamt nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung. Ärzte, die Mi­gränepatienten behandeln, sollten sich dieses Risikos aber bewusst sein“, sagt Prof. Dr. Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). 

Neurologische Erkrankungen: Forscher im Rampenlicht

Die optimale Therapie zu finden ist auch der größte Wunsch vieler Patienten mit seltenen Krankheiten. Gerade wegen ihrer Seltenheit kam die Forschung auf einigen dieser Krankheitsgebiete in der Vergangenheit nur langsam voran. Aber es gibt auch positive Gegenbeispiele, wie der Typ C der Niemann-Pick-Krankheit beweist: zum einen, was die Diagnose angeht, die mithilfe eines Biomarkertests erfolgt, und zum anderen hinsichtlich der Behandlung. Denn es gibt für Patienten, zu denen in erster Linie Kinder gehören, inzwischen eine Therapie, die zumindest in der Lage ist, den Erkrankungsverlauf zu verlangsamen. Weitere aktuelle Studien verfolgen das Ziel, neue Präparate hervorzubringen, die zur Therapieoptimierung beitragen.

Quelle: Statista, 2018

Neue Wirkstoffe vor dem Durchbruch

Auch wenn diese Vorgabe bei Alzheimer sehr ehrgeizig erscheint, blicken nicht wenige Forscher vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Die kognitive Degeneration im Gehirn zu verlangsamen beziehungsweise aufzuhalten, könnte bereits in wenigen Jahren möglich sein. Immerhin sind einige Wirkstoffe in der Pipeline, die zukünftig krankhafte Ablagerungen im Gehirn bei Patienten mit leichten Alzheimer-Symptomen reduzieren könnten. Voraussetzung dafür ist jedoch, diese in einem frühen Stadium zu entdecken. Damit das gelingt, sollten Angehörige Betroffene im Blick haben und sich nicht davor scheuen, einen Neurologen einzuschalten.

Früherkennung schützt vor Ausgrenzung

Bereits gut behandelbar, jedoch nicht immer heilbar ist Schizophrenie. Pro­blem dieser Psychose, bei der das eigene Erleben und die Wahrnehmung gestört sind: Da sich die Krankheit sehr unspezifisch bemerkbar macht und vielfach die Symptome unbekannt sind, wird diese psychische Erkrankung häufig nicht automatisch erkannt und bleibt somit lange unbehandelt – mit beträchtlichen Folgen. Denn nicht selten werden Betroffene ausgegrenzt beziehungsweise finden keinen Partner.

Generell gilt: Auch wenn die Forschungsansätze bei Migräne, Alzheimer oder auch seltenen Erkrankungen, wie der Niemann-Pick-Krankheit, vielversprechend klingen, muss die Hirnforschung weiterhin auf Hochtouren arbeiten, um den Dauerbetrieb unserer Schaltzentrale weniger störanfällig zu machen. Schließlich betrifft es unser Gehirn – das wichtigste Organ schlechthin.

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