Leitartikel

Den großen Leiden auf der Spur

Von Nadine Effert · 2018

Einst waren es Infektionskrankheiten wie Cholera und Typhus – heutzutage breiten sich Krankheiten wie Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs in den westlichen Industrieländern immer weiter aus. Was sind die Gründe? Was bedeuten Volkskrankheiten für unsere Gesellschaft? Wie kann die Ausbreitung eingedämmt werden? Ein Überblick.

Menschenmenge an einem sonnigen Tag in einer Straße
In den westlichen Industriestaaten breiten sich immer mehr Volkskrankheiten aus.

Es ist ein Glück und den Fortschritten der Medizin zu verdanken, dass unsere Lebenserwartung steigt. Die Kehrseite der Medaille: Immer mehr Menschen werden aufgrund des demografischen Wandels zukünftig an sogenannten Volkskrankheiten leiden – allen voran Krebs, Diabetes mellitus, Demenz und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Welche Krankheit genau in die Kategorie „Volkskrankheit“ fällt, ist übrigens nicht genau definiert. Es handelt sich jedoch um Leiden, die aufgrund ihres häufigen Auftretens und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen sozial ins Gewicht fallen.

Unterschätzte Risikofaktoren

Doch längst ist das Alter nicht die einzige Ursache für die große Zahl an Patienten, die es bereits heute gibt. Allein rund sieben Millionen Diabetiker leben in Deutschland. Größter Risikofaktor: Übergewicht. Verheerend: Heutzutage bringt jeder zweite Erwachsene zu viel auf die Waage, ein Viertel der Betroffenen ist fettleibig. Starkes Übergewicht ist aber auch Ursache für andere Volksleiden wie Bluthochdruck, Arthrose und Herzinfarkt. Rund 500.000 Krebsneuerkrankungen werden pro Jahr verzeichnet. Ein zentraler Risikofaktor: das Rauchen. Nach Schätzungen des Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD) des Robert Koch-Instituts (RKI) lassen sich derzeit etwa 16 Prozent aller Krebserkrankungen in Deutschland dem Nikotinkonsum zuschreiben. Der Europäischen Stiftung für Allergieforschung ECARF zufolge haben rund 25 Millionen Menschen in Deutschland eine Allergie – Tendenz steigend. Ursachen? Zum Beispiel die Ernährung und Umwelteinflüsse. Während wir externe Einflussfaktoren kaum oder auch genetische Prädispositionen nicht beeinflussen können, sieht es in puncto Tabakkonsum, Bewegungsmangel, falsche Ernährung und Stress schon ganz anders aus. 

Quellen: Robert Koch-Institut, Statista-Umfragen, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Statistisches Bundesamt; 2015–2017

Viele Krankheiten und Todesfälle vermeidbar

Beispiele gefällig? Allein mit eineinhalb Portionen grünem Blattgemüse täglich kann laut einer im British Medical Journal (BMJ) veröffentlichten Studie das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, um 14 Prozent gesenkt werden. Eine Studie mit mehr als 55.000 Teilnehmern, im vergangenen Jahr in der DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift publiziert, belegt, dass ein gesunder Lebensstil das Risiko für Herzerkrankungen um die Hälfte senken kann. Die Empfehlung der Autoren: ballaststoff- und vitaminreiche Ernährung, ein Body-Mass-Index unter 30 und Verzicht auf Nikotin. Rund 15 Prozent der Todesfälle in Folge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind vermeidbar, verkündeten jüngst Forscher aus dem Helmholtz Zentrum München, wenn eine vorliegende Depression als massive Form von Stress behandelt worden wäre. Schätzungen zufolge beruht die Hälfte aller Todesfälle in Deutschland auf vermeidbaren Risiken. Ziel jeglicher Forschungsbemühung ist es, Volkskrankheiten besser verstehen und somit bekämpfen zu können. Das hat sich auch die NAKO Gesundheitsstudie, die im Jahr 2014 gestartet ist, auf die Fahne geschrieben.

Große Gesundheitsstudie am Laufen

Insgesamt 200.000 zufällig ausgewählte Probanden sollen in den kommenden 20 bis 30 Jahren für die NAKO umfassenden gesundheitlichen Untersuchungen in Studienzentren unterzogen werden. Darüber hinaus sollen 28 Millionen Bioproben genommen und eingelagert werden, was auch nach vielen Jahren Rückschlüsse auf Ursachen und Verläufe von Krankheiten ermöglicht. „In Deutschland und Europa gibt es zahlreiche Bevölkerungsstudien, doch die NAKO ist aufgrund ihrer Größenordnung und Detailtiefe zurzeit einmalig“, sagt Andreas Storm, Vorstandschef der 

DAK-Gesundheit. Seit April beteiligt sich die DAK-Gesundheit an der Studie, indem sie für die Forschung pseudonymisierte Behandlungsdaten der teilnehmenden Versicherten zur Verfügung stellt, die die konkreten Untersuchungsergebnisse ergänzen werden. So sollen einfache Antworten auf Fragen nach der Entstehung von Krankheiten inklusive der Risikofaktoren, der Früherkennung oder auch der Rolle von sozialen und ökologischen Faktoren gefunden werden. „Sekundärdaten sind für unsere Forschung und damit für das Allgemeinwohl von unschätzbarem Wert“, betont Prof. Dr. Wolfgang Ahrens, stellvertretender Direktor des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) und Mitglied des NAKO-Vorstandes. Das Vorantreiben der Gesundheitsforschung macht jedoch nicht nur für das Allgemeinwohl, sondern auch aus wirtschaftlicher Perspektive Sinn. 

Quelle: AOK – Die Gesundheitskasse in Hessen, 2018

Hohe Kosten für das Gesundheitssystem 

Volkskrankheiten verursachen eine hohe Belastung in Form von Arbeitsunfähigkeit, krankheitsbedingten Fehlzeiten und Pflegebedürftigkeit. Laut aktuellem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse gab es im vergangenen Jahr 5,79 Millionen Arbeitsunfähigkeiten und 77,4 Millionen Fehltage – das entspricht im Durchschnitt 15,5 Fehltagen pro Arbeitnehmer. Der größte Anteil der Fehlzeiten entfällt auf Muskel-Skelett-Erkrankungen, gefolgt von Depression und Atemwegsinfektionen. Die Kosten für das Gesundheitssystem sind immens. Allein durch Rückenschmerzen, als laut TK-Bericht wichtigste Einzeldiagnose, entstehen in Deutschland pro Jahr Kosten in Höhe von über 40 Milliarden Euro. Kurz zurück zum Thema Prävention: Wer regelmäßig Übungen zur Kräftigung und Dehnung der Muskulatur macht und leichten Ausdauersport betreibt, verringert das Risiko für Rückenbeschwerden um fast ein Drittel und das von Krankschreibungen sogar um 78 Prozent, so das Ergebnis einer Studie der University of Sydney. Das Beispiel zeigt, dass der Nutzen von Prävention nicht nur für jeden von uns gesundheitlich gesehen immens ist, sondern auch wirtschaftlich für Arbeitgeber und das Gesundheitssystem. Unternehmen tun gut daran, zum Beispiel in ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) zu investieren, und Kassen daran, ihr Präventionsangebot aufzustocken und zur Aufklärung über Krankheiten beizutragen. 

Alle müssen an einem Strang ziehen

Aufgrund der Neuregelungen durch das Präventionsgesetz hat sich einiges zum Positiven hin entwickelt, wie der jüngste Präventionsbericht des Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) zutage brachte. Ein Ergebnis: Die Krankenkassen erreichten in 2016 mit ihren Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung insgesamt 3,3 Millionen Menschen in 35.000 Settings, wie zum Beispiel Schulen. Dabei konnten 45 Prozent mehr Settings und 31 Prozent mehr Personen als im Vorjahr erreicht werden. Die Ausgaben für Primärprävention und betriebliche Gesundheitsförderung lagen bei insgesamt knapp 500 Millionen Euro und sind somit seit Einführung dieser Leistungen stark gestiegen. Dennoch bleibt der Appell an die Eigenverantwortung und die Mitwirkungspflicht der Versicherten. Sie müssten Präventionsangebote auch nutzen und darüber hinaus sich umfassend über die eigene Gesundheit informieren sowie ein gesundheitsbewusstes Leben führen. Fakt ist: Volkskrankheiten lassen sich eindämmen, jedoch nicht ausmerzen. Daher entwickeln Forscher rund um den Globus fleißig neue Wirkstoffe und Therapien, um vor allem chronische Leiden erträglicher für die Betroffenen zu machen, während andere Wissenschaftler wiederum den Ursachen vieler Volksleiden weiter auf der Spur sind, um so manche Krankheit in Zukunft heilen zu können.

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