Bedarf an medizinischem Fortschritt steigt

Teufelskreis aus Risikofaktoren

Von Nadine Effert · 2021

Die gute Nachricht: Dank verbesserter Lebensbedingungen und einer guten medizinischen Versorgung werden wir immer älter. Allerdings steigt mit der wachsenden Lebenserwartung auch der Bedarf an medizinischem Fortschritt. Die Zahl der Menschen, die an Volkskrankheiten leiden, steigt weiter an. Prävention ist das A und O.

Frau mit Maske steht vor gelbem Bahn Wagon
Foto: iStock/ Xsandra

Als Volks- oder auch Zivilisationskrankheit bezeichnet man Krankheiten, „die aufgrund ihrer großen Verbreitung und wirtschaftlichen Auswirkungen von hoher gesellschaftspolitischer Bedeutung sind“. Dazu zählen unter anderem Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2, Arthrose, Depressionen und Krebs. Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems gehören hierzulande zu den häufigsten Krankheits- und Todesursachen, gefolgt von Krebs und Krankheiten des Atmungssystems wie COPD. Volkskrankheiten plagen Millionen und kosten Milliarden. Vor diesem Hintergrund mag man fast die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn man bedenkt, dass viele Leiden „hausgemacht“ sind.

Wundermittel Sport

Das Risiko, an einer Volkskrankheit zu erkranken, kann durch präventive Maßnahmen gesenkt werden. So gehen etwa viele Krebserkrankungen auf das Konto beeinflussbarer Risikofaktoren wie Rauchen oder ungesunde Ernährung. In Deutschland wird jährlich rund 500.000 Mal die Diagnose Krebs gestellt. Expert:innen zufolge können bis zu 40 Prozent der Fälle bestimmten Risikofaktoren zugeordnet werden. Heißt: Etwa jede dritte Krebserkrankung ließe sich vermeiden. Als probates Mittel im Kampf gegen verschiedenste Volkskrankheiten empfehlen sich Fitness und körperliche Aktivität. Unzählige wissenschaftliche Studien zeigen, dass Sport nicht nur zum Abnehmen geeignet ist – nicht vergessen: Übergewicht selbst ist eine Volkskrankheit und zugleich Risikofaktor für andere Krankheiten. So stärkt Sport das Immunsystem, wirkt durch die erhöhte Ausschüttung von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin im Blut wie eine Art Antidepressivum und hat sogar Effekte auf das Gehirn. Selbst einfaches tägliches Spazierengehen führt dazu, dass sich Neuronen besser vernetzen und die Gedächtnisleistung zunimmt. Wer ein hohes Fitnesslevel in seinen Alltag integriert, kann laut einer schwedischen 40-Jahre-Langzeit-Studie, erschienen im Fachblatt Neurology, sogar sein Demenz-Risiko erheblich senken. Das Ergebnis: Bei den teilenehmenden Frauen mit hoher körperlicher Fitness im mittleren Alter sank das Risiko für eine Demenz um bis zu 88 Prozent. „Dies deutet darauf hin“, so Studienautorin Helena Hörder von der Universität Göteburg, „dass im mittleren Lebensalter möglicherweise negative kardiovaskuläre Prozesse auftreten, die das Risiko einer Demenz im späteren Leben erhöhen könnten.“ Bei den unfitten Frauen erhöhte sich Risiko um 41 Prozent.

Treiber Coronapandemie

Das Problem: Die meisten Deutschen sind nicht gerade fit und verfehlen die neuen Aktivitätsempfehlungen der WHO, wonach Erwachsene jede Woche mindestens 150 bis 300 Minuten aktiv sein sollten. Einer von vier Erwachsenen und vier von fünf Jugendlichen bewegen sich der WHO zufolge nicht ausreichend – und seit Beginn der Pandemie noch weniger. Wie die Forsa-Umfrage „Corona 2020“ im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) zeigt, hat etwa jeder Vierte während der Corona-Zeit weniger Sport betrieben als vorher.

Hinzu kommt, dass die Pandemie selbst bestimmte Volkskrankheiten puscht. Darunter Rückenschmerzen aufgrund der Homeoffice-Arbeit, Depressionen aufgrund zusätzlicher psychischer Belastungen und starkes Übergewicht, das zum Beispiel auch eine Ursache für Arthrose ist. Eine im April 2021 durchgeführte Online-Umfrage im Auftrag des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin (EKFZ) bestätigt, dass rund 40 Prozent der Befragten seit dem Beginn der Pandemie zugenommen haben – im Durchschnitt liegt die Gewichtszunahme bei 5,6 Kilogramm. Eine weitere Erkenntnis: Je höher der Body-Mass-Index (BMI) der Befragten, desto häufiger geben sie an, dass sie seit Beginn der Pandemie zugenommen haben. „Corona befeuert damit die Adipositas-Pandemie“, sagt Prof. Hans Hauner, Ernährungsmediziner und EKFZ-Leiter. „Im Gegenzug gilt Adipositas als Treiber der COVID-19-Pandemie, denn mit dem BMI steigt auch das Risiko, schwer an Corona zu erkranken.“ Unabhängig von COVID-19 kostet zu hohes Gewicht in Deutschland jährlich etwa 80.000 bis 100.000 Menschenleben. „Der Kollateralschaden durch die Fokussierung auf Corona ist daher im Bereich der vielen lebensstilbedingten Krankheiten enorm“, meint der Experte.

Informierte Patient:innen

Quelle: Bitkom Research, 2020

So gilt es, die Volkskrankheiten wieder verstärkt ins Scheinwerferlicht zu rücken. Darauf aufmerksam zu machen, dass etwa die Hälfte der Menschen mit Typ-2-Diabetes nichts von ihrer Krankheit wissen, dass Schwerhörige, die kein Hörsystem benutzen, einen kognitiven Leistungsverlust und Depressionen riskieren, oder dass eine Lebensmittelallergie im schlimmsten Fall sogar tödliche Folgen haben kann. Zur Prävention gehören also nicht nur ein gesunder Lifestyle sowie das Wahrnehmen von empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen und Gesundheits-Check-ups, sondern auch informiert zu sein – über Ursachen, Symptome und (neue) Behandlungsmöglichkeiten. Aber auch über die Möglichkeiten der Digitalisierung, die das Gesundheitswesen längst erreicht hat, und von denen Patient:innen profitieren können – seien es Gesundheits-Apps, die elektronische Patientenakte (ePA), für die am 1. Juli der Startschuss fiel, oder die Telemedizin, die zum Beispiel die Überwachung von Herzpatienten mit Defibrillator oder CRT-Systemen aus der Ferne ermöglicht. Volkskrankheiten waren, sind und bleiben eine große Herausforderung für Betroffene und alle Akteur:innen im Gesundheitswesen. Expert:innen gehen davon aus, dass sich die Gesundheitsversorgung im nächsten Jahrzehnt auf die Vorbeugung von Krankheiten konzentrieren wird, anstatt wie bislang auf deren Behandlung. Das wäre wünschenswert, erspart man dadurch doch vielen Menschen Leid und dem Gesundheitswesen hohe Kosten.

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