Rückenschmerzen

Deutschland hat Rücken

Von Nadine Effert · 2018

Sportler greift sich an die Hüfte

Die Wirbelsäule ist wichtig: Sie hält uns aufrecht, trägt das Gros unseres Körpergewichts und ist sowohl stabil als auch flexibel. Der anatomische Geniestreich ist aber auch anfällig: Laut aktuellem DAK-Report hatten 75 Prozent aller Berufstätigen im vergangenen Jahr mindestens einmal Rückenschmerzen.

Ach, was war das schön, als man noch jung war. Als das Nickerchen auf dem blanken Boden, das Schlafen auf der ollen Luftmatratze im Zelt, seltsam akrobatisch anmutende Verrenkungen oder das stundenlange Sitzen auf der hölzernen Schulbank eines definitiv nicht verursachten: Schmerzen. Tatsächlich macht ein gesunder Rücken bis zum Lebensalter von etwa 20 Jahren keine Probleme. Ältere Menschen erinnern sich gerne an diese Zeit zurück und wundern sich trotzdem, wie Kinder und Jugendliche eine gefühlte Ewigkeit in einer Haltung, zum Beispiel vor dem Smartphone, ausharren können, ohne hinterher über Verspannungen und Schmerzen zu jammern. Das tun sie aber auch, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass das nicht ewig so weitergeht mit einem Kreuz, das sich nicht beschwert. Auch Erwachsene vergessen oft, dass ein gesunder Rücken keine Selbstverständlichkeit ist. Kein Wunder, muss das komplexe System aus Knochen, Gelenken, 24 freien Wirbeln plus Kreuz- und Steißbein, Bandscheiben, Bändern und Muskeln doch so einiges an Belastungen aushalten und uns durchs Leben tragen. Früher oder später machen sich Beschwerden bemerkbar. Skoliose, Osteoporose, Bandscheibenvorfall, Riss in der Rotatorenmanschette der Schulter, Hexenschuss oder Muskelverspannungen: Das Volksleiden Rückenschmerzen kennt die verschiedensten Facetten. Und so komplex wie die Wirbelsäule selbst, sind auch die Ursachen für Beschwerden. 

Steigende Patientenzahlen 

Im Ergebnis sind das Zahlen, die alarmierend sind: Laut aktuellem DAK-Gesundheitsreport „Rätsel Rücken“ hatten in 2017 etwa 75 Prozent aller Erwerbstätigen mindestens einmal Rückenschmerzen. Jeder Siebte litt drei Monate oder länger – bedeutet offiziell: unter chronischen Schmerzen. Und auch die Zahl der Patienten, die als Notfall im Krankenhaus stationär behandelt wurden, hat sich seit 2007 um 80 Prozent erhöht. Insgesamt sind Rückenprobleme der häufigste Grund für Krankschreibungen und Frühverrentung. Wie kann das sein? Schließlich werden wir doch bombardiert mit Präventionsangeboten von Krankenkassen, Fitnessstudios werben für rückenstärkende Trainings und wer sich allein durch den App-Store auf dem Handy scrollt, findet unzählige digitale Helfer, die nur eines wollen: uns zu einem gesunden Rücken verhelfen. Unternehmen integrieren das Thema in ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement und bundesweite Aktionstage zerren das Rückgrat ins Scheinwerferlicht, um unser Bewusstsein für dieses erstaunliche, aber zugleich auch komplexe „Arbeitstier“ zu schärfen. Warum aber macht der Rücken so vielen Menschen dennoch zu schaffen? Sind wir dem natürlichen Verschleiß unseres Bewegungsapparates hilflos ausgeliefert? Um es vorweg zu nehmen: Rückenschmerzen sind keine Frage des Alters. Heutzutage haben bereits 16 Prozent der Schüler Probleme und Bandscheibenvorfälle mit unter 30 Jahren sind längst keine Rarität mehr. 

Quelle: Statista, 2017

Behandlung: stiefmütterlich 

Fakt ist: In puncto Prävention liegen Theorie und Praxis oft weit auseinander. Wir muten unserem Rücken im Alltag einfach zu viel zu. Sitzen zu viel, bewegen uns zu wenig. Dabei braucht ein gesundes Kreuz eine starke Muskulatur im Bereich Rücken, Bauch und Rumpf; Körpergewebe wie Muskeln und Bänder wiederum regelmäßige Belastung, um leistungsfähig zu bleiben. Doch es gibt noch viele weitere Faktoren, die einen schlechten Einfluss auf die Rückengesundheit haben: zum Beispiel Übergewicht, Fehlbelastungen und falsche Ernährung. Auch Stress und psychischen Druck mag der Rücken nicht und reagiert prompt mit Muskelverspannungen und Schmerzen. Hinzu gesellt sich ein neumodischer Feind, ohne den jedoch die Menschheit scheinbar nicht mehr leben kann: das Smartphone. Bei der Nutzung sind Blick und Kopf nach unten gerichtet, teils stundenlang. Dabei nimmt die Belastung auf die Wirbelsäule, insbesondere den Nacken- und Schulterbereich, immens zu: Bei einem Neigungswinkel von 60 Grad sind es bis zu 27 Kilogramm an Zugkräften, die buchstäblich auf unseren Schultern lasten. „Text neck“, auf Deutsch Handy-Nacken, ist inzwischen ein unter Ärzten etabliertes Krankheitsbild. 

Problemzonen: Lendenwirbelsäule und Nacken 

Doch der Nacken ist (noch) nicht die größte Problemzone in Sachen Schmerzen: 77 Prozent der Rückengeplagten haben den Schmerz in der Lendenwirbelsäule, 42 Prozent im Nacken, 17 Prozent an der Brustwirbelsäule – so im DAK-Report zu lesen. Apropos Schmerz: Grundsätzlich unterscheidet man unspezifische und spezifische Formen, wobei erstere rund 85 Prozent der Fälle ausmachen. Oft sind Muskeln, Sehnen oder Bänder die schmerzhaften Übeltäter, wenn diese zum Beispiel durch Verspannungen, Verhärtungen oder Reizungen in ihrer Funktion beeinträchtigt sind. Der Arzt verordnet in diesem Fall eine Physiotherapie, Schmerzmittel oder verpasst zur schnellen Linderung dem Patienten auch mal eine Spritze. Und was ist mit einer OP? Die kann durchaus sinnvoll sein – muss sie aber nicht. Scheinbar ist die Maßnahme zumindest bei vielen Ärzten und Krankenhäusern beliebt: Laut „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann Stiftung waren es 2007 rund 452.000 und ihn 2015 bereits 772.000 Eingriffe – eine Steigerung von 71 Prozent. Immer wieder heißt es, es werde zu schnell operiert in Deutschland; ein Großteil der Wirbelsäulen-OPs seien überflüssig. Sogar von 80 Prozent ist die Rede. Ob aufgrund von Profitmacherei, falscher Diagnosen, demografischem Wandel oder ungeduldigen Patienten, darüber scheiden sich die Geister. 

Sanfte Chirurgie und Hightech-Implantate 

Wer dann doch operiert werden muss, kann sich jedoch glücklich schätzen, heute und nicht etwa vor 20 Jahren auf dem OP-Tisch zu liegen. Die Operationsverfahren haben sich massiv verbessert: Sie erfolgen zum Beispiel in der Regel minimal-invasiv und somit schonender, sodass auch ältere und kranke Patienten profitieren. Noch um einiges rasanter entwickelt sich der Implantate-Markt. Hersteller übertrumpfen sich regelmäßig mit noch besseren Produkten – etwa Materialien und Haltbarkeit betreffend. Technology at its best! Und: Der Higtech-Implantate-Gipfel wurde noch nicht gänzlich erklommen. An dessen Spitze wartet derzeit nämlich der 3D-Drucker. Zwar sind gedruckte Implantate zur medizinischen Anwendung nichts revolutionär Neues, allerdings im Bereich Wirbelsäule schon: So verkündete das Städtische Klinikum Görlitz im Februar dieses Jahres eine erfolgreiche Implantation von einem Titan-Wirbelsäulenimplantat aus dem 3D-Drucker, eine Weltneuheit. Das neue Modell erlaube es, die natürliche Silhouette der Wirbelsäule zu rekonstruieren. Sie erhalte eine ausreichende Stabilisierung und zugleich bliebe die natürliche Krümmung bestehen. Faszinierend – genauso wie der Rücken und die Wirbelsäule selbst.

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