Früherkennung von HIV

„Wir haben die Werkzeuge, HIV zu besiegen“

Von Tobias Lemser · 2021

Prof. Dr. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie und des Zentrums für HIV und AIDS am Universitätsklinikum Bonn, gehört zu den führenden HIV-Forschern in Deutschland. Im Gespräch erläutert der Virologe, inwieweit die Coronapandemie das Thema HIV in den Hintergrund gerückt hat, was es zur Ansteckung mit dem Virus zu wissen gilt und was jetzt politisch auf der Agenda stehen muss.

Fünf Händepaare mit jeweils einer roten Schleife auf der Handfläche.
Die Bekämpfung von HIV und Aids ist ein globales Thema. Foto: iStock / Vasyl Dolmatov

Professor Streeck, für die ab morgen beginnende HIV-Wissenschaftskonferenz der International AIDS Society, kurz IAS 2021, wurden Sie zum Kongresspräsidenten gewählt. Was bedeutet Ihnen diese Aufgabe?

Mir liegt sehr viel daran, denn es ist das erste Mal seit 28 Jahren, dass so eine Veranstaltung in Deutschland stattfindet. Mit dieser Konferenz, an der rund 7.000 Menschen digital, aber auch live vor Ort teilnehmen, versuchen wir ein Zeichen zu setzen: Denn die Auffassung dieser Erkrankung ist zuletzt in eine falsche Richtung gegangen. Momentan herrscht der weitverbreitete Irrglaube, dass diese chronische Infektionskrankheit gar nicht mehr so gravierend ist. Zwar schlägt HIV inzwischen keinen lebensbedrohlichen Weg mehr ein, aber auch nur dann, wenn Betroffene dauerhaft Medikamente einnehmen. Mein Ziel ist es, durch die Konferenz wieder vermehrt Aufmerksamkeit zu erzeugen. Schließlich versterben weltweit jedes Jahr rund 700.000 Menschen daran.

Prof. Dr. Hendrik Streeck
Prof. Dr. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie und des Zentrums für HIV und AIDS.

Welche weiteren Schwerpunkte werden Sie setzen?

Das ist vor allem das Thema HIV in Zeiten der COVID-19-Pandemie, welche verheerende Rückschritte für die HIV-Infizierten mit sich gebracht hat. Es gibt bereits Berichte, die aufzeigen, dass in südlichen Teilen Afrikas weniger Menschen mit einer lebensrettenden antiretroviralen Therapie begonnen haben. Wir wissen zudem, dass in Deutschland und Europa viele Menschen, die einen Verdacht auf eine HIV-Infektion haben, nicht zum Arzt gegangen sind. Auch haben sich HIV-Positive nur unzureichend checken lassen, um zu erfahren, ob ihre Viruslast medikamentös optimal unterdrückt ist. Was dies am Ende bedeutet, wissen wir noch nicht, da wir solche Zahlen immer erst ein Jahr später abschätzen können.

Trotz dieser erschwerenden Einflüsse, ist in den vergangenen 40 Jahren viel Positives passiert. Inzwischen hat die Infektion an Angst und Schrecken verloren …

Das ist richtig. Die Voraussetzung ist jedoch, dass die Menschen sich testen lassen. Ist jemand HIV-positiv und wird früh behandelt, besteht eine ganz normale Lebenserwartung wie bei einem HIV-Negativen. Das Virus so stark zu unterdrücken, ist eine der Revolutionen in der Medizin. Hinzu kommt: Diese Therapie ist so gut wie nebenwirkungsfrei – ein immenser Vorteil, der auch epidemiologisch entscheidend ist. Denn ist jemand HIV-positiv und gut behandelt, kann er das Virus nicht mehr weitergeben. Heißt: Es ist sogar sicherer mit einem HIV-Positiven, der gut behandelt ist, ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben, als mit jemandem, der seinen HIV-Status nicht kennt. 

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich testen zu lassen?

Ich rate jedem Menschen, der sexuell aktiv ist und mehrere Geschlechtspartner hat, mindestens einmal im Jahr einen HIV-Test zu machen. Man kann nur gewinnen, wenn man sich testen lässt. 

Und was raten Sie im Akutfall, nach einem Risikokontakt?

In den ersten 72 Stunden kann man eine HIV-Infektion nach Exposition noch abwenden. Wenn jemand einen Risikokontakt hatte und etwa das Kondom gerissen ist, ist das ein Fall für die Notaufnahme. Mithilfe einer Postexpositionsprophylaxe, also der Gabe von Medikamenten, lässt sich eine Infektion noch vermeiden. Hier ist jedoch Eile geboten.

Quelle: UNAIDS, 2020

Doch man kann auch vorbeugen?

Ja, wer viele Risikokontakte hat, sollte über eine Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz PrEP, nachdenken. Bedeutet: eine Pille am Tag, die einen davor schützt, sich mit HIV zu infizieren und dies hoch effektiv und ohne den Einsatz von Kondomen. 

Ist das nicht für manche ein Freifahrtsschein „Sex ohne Kondom“. Es gibt ja auch noch andere Infektionskrankheiten …

Das stimmt. Als Freifahrtsschein sollte dies nicht gesehen werden, es ist prinzipiell zu einem Kondom zu raten. Ich glaube jedoch, dass man moralisch die sexuellen Einstellungen nicht steuern kann. Es wird immer Leute geben, die das Kondom weglassen, wenn sie PrEP einnehmen. Da die PrEP alle drei Monate neu verschrieben werden muss, muss sich der Patient regelmäßig beim Arzt vorstellen und wird dabei auf sexuell übertragbare Erkrankungen durchgecheckt. Es ist gut möglich, dass so die Rate dieser Infektionskrankheiten in dieser Gruppe sogar eher zurückgeht als bei anderen.

Ganz aktuell ruft die UN-Vollversammlung zu stärkeren Anstrengungen im Kampf gegen AIDS auf. Sind die Maßnahmen zur Früherkennung von HIV in Deutschland ausreichend?

Die Problematik ist ja, dass wir die Mittel haben, AIDS zu beenden. Wir haben alle Werkzeuge, die es braucht. Die Anstrengung gegen so ein Virus vorzugehen ist im Vergleich zu Corona jedoch viel zu gering. Es kann nicht sein, dass wir jetzt – genau 40 Jahre nach Auftreten der ersten Fälle – noch immer kein echtes Impfstoffprogramm gegen HIV haben. Dabei hat uns Corona gezeigt, wenn wir es wollen und kollaborativ zwischen den Ländern arbeiten, könnten wir viel erreichen. Aber dazu bedarf es einer politischen Kraftanstrengung.

Wie sehen Sie diese bislang und gerade auch im Hinblick auf einen Impfstoff?

Bei COVID-19 hatten wir binnen Kürze acht Impfstoffe und über 30 in der Phase III. In über 30 Jahren HIV-Impfstoffforschung haben wir es bei lediglich acht Impfstoffversuchen in die Phase III gebracht. Dass es angesichts der Virusstruktur immens schwierig ist, hier zum Erfolg zu kommen, ist kein Geheimnis, dennoch gab es zu wenig Produkte in der klinischen Testung. Die mRNA Impfstoffplattform hat zum Beispiel im Affenversuch ganz gute Erfolge gezeigt. Die Zeit, die es aber braucht, dass diese Methode klinisch getestet wird, dauert zu lange. Dafür ist die IAS 2021 wichtig: Es muss wieder deutlich werden, dass HIV weiterhin ein weltweites Problem ist.

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