Narkolepsie

Neuer Übeltäter entlarvt

Von Frank Wagner · 2018

Patienten, die unter „Schlafsucht“ leiden, haben mit plötzlichen Schlafattacken zu kämpfen – und das lebenslang, denn heilbar ist Narkolepsie nicht. Doch nun gibt es Licht am Horizont: Eine neue Studie konnte erstmals nachweisen, dass offenbar eine Immunreaktion für die seltene Erkrankung verantwortlich ist.

Schlafende im Bus

Im Bus einfach weggenickt, während der Theatervorstellung auf einmal eingeschlummert? Diese Situationen hat jeder von uns schon einmal erlebt, vor allem nach einem stressigen Tag oder zu wenig Schlaf in der Nacht. Es gibt aber Menschen, denen das häufiger passiert, die das Einschlafen nicht kontrollieren können. Bei ihnen kann eine Form der Narkolepsie vorliegen. Von dieser erst im 19. Jahrhundert entdeckten, nicht heilbaren Krankheit leiden schätzungsweise etwa 40.000 Deutsche. Der Neurologe und Schlafmediziner Dr. Ulf Kallweit, Zentrum für Narkolepsie, Universität Witten/Herdecke und Helios Klinik Hagen Ambrock, Neurologie, Institut für Schlafmedizin, nennt drei typische Hinweise auf Narkolepsie: „Erstens: Es besteht chronische, das heißt tägliche Müdigkeit beziehungsweise Schläfrigkeit. Zweitens: Es kommt zum Einschlafen gegen den eigenen Willen, auch in untypischen Situationen wie mitten im Gespräch. Und drittens: Automatische Handlungen treten auf. Dies sind unsinnige Handlungen, wie zum Beispiel Schuhe in den Kühlschrank stellen, die in einer Art Halbschlaf, dem sogenannten Mikroschlaf auftreten.“ 

Narkolepsie: Lebensqualität leidet sehr

Gerade bei Narkolepsie ist die psychosoziale Belastung hoch: Das Privatleben ist eingeschränkt und Vorankommen in Ausbildung und Beruf erschwert. Dazu kommt oft Mobbing aufgrund der häufigen Schläfrigkeit. Die Anfälligkeit für Depressionen ist bei Narkolepsie-Patienten deutlich erhöht. Zudem treten meistens, manchmal auch erst nach mehreren Jahren, sogenannte Kataplexien auf, ein plötzlicher, kompletter Wegfall des Muskeltonus, häufig ausgelöst durch Emotionen wie große Freude, Wut oder sonstige Erregung. Betroffene stürzen dann leicht, und insbesondere beim Bedienen von Maschinen oder Fahrzeugen besteht hohes Verletzungsrisiko. Der Neurologe betont, dass spätestens beim Auftreten von Kataplexien unbedingt eine schlafmedizinische Diagnostik erfolgen muss, gegebenenfalls auch mit Aufenthalt im Schlaflabor oder mithilfe einer Nervenwasseruntersuchung. 

Forschung: Immunreaktion verantwortlich 

Aufgrund familiärer Häufungen wird von einer genetischen Disposition für Narkolepsie ausgegangen, zusätzlich gibt es Beeinflussungen durch Umweltfaktoren, wie etwa bestimmte Infektionen oder Impfungen. Eine bedeutende Rolle im Inneren des Körpers spielt schließlich der Botenstoff Hypocretin, der wichtige Abläufe im Gehirn steuert. Hypocretin hat viele Funktionen beziehungsweise ist mit vielen anderen Hirnbereichen und -systemen vernetzt. Eine wesentliche Funktion des Neuropeptids liegt in der Regulation beziehungsweise Stabilisierung von Zuständen des Schlafs und der Wachheit. Bei Narkoleptikern ist es kaum oder gar nicht nachweisbar. Im September 2018 konnte die internationale Schlafforschung hierzu neue Ergebnisse präsentieren. „Wir konnten aktuell zeigen, dass Narkolepsie eine Autoimmunerkrankung ist. Bei Patienten mit Narkolepsie fanden wir autoreaktive T-Lymphozyten, die wahrscheinlich eine Immunantwort herbeiführen, die zum Verlust von hypocretinproduzierenden Neuronen führt“, erklärt Dr. Kallweit, der an der Studie beteiligt war. „Durch diese Erkenntnis bestehen nun bessere Möglichkeiten einer frühzeitigen Diagnose der Erkrankung und ebenfalls neuer Behandlungsansätze. Narkolepsie ist eine zunehmend besser behandelbare Erkrankung.“ Der Experte verweist dabei auch auf neuentwickelte und teilweise auch schon zugelassene Medikamente mit innovativen Wirkmechanismen und oftmals auch besserer Verträglichkeit.

Sensibilisierung der Öffentlichkeit

Nach Expertenmeinungen werden nur circa 4.000 von 40.000 Narkolepsie-Betroffenen diagnostiziert und therapiert.

Bis zur richtigen Diagnosestellung vergehen im Durchschnitt sieben bis neun Jahre. Das liegt unter anderem daran, dass vor allem die Symptomatik der Tagesschläfrigkeit verschiedenen Ursachen haben kann, wodurch die Narkolepsie oftmals mit anderen Krankheitsbildern verwechselt wird. So können Kata­plexien beispielsweise als epileptische Anfälle fehlinterpretiert werden. 

Um die Krankheit adäquat zu behandeln, müssen nicht nur Ärzte, sondern auch die Öffentlichkeit für diese seltene Erkrankung sensibilisiert werden. Nur so kann die Narkolepsie frühzeitig erkannt und therapiert werden. 

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